Page 20 - Taxikurier April 2025
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dem sie als sechsjähriges Kind dem Monar- Dame im zwölften Stock. Umsonst. Ich schlug sie. Sie fiel zu Boden, er schlug sie
chen im Spalier stehend zuwinken durfte. weiß bis heute nicht, ob sie den Dienstag abermals. Bis dahin hatte der Typ mich of-
Dem Kaiser! Von Wäschekörben voll wertlo- erlebt hat. fenbar nicht bemerkt. Sie rappelte sich auf,
ser Inflations-Geldscheine erzählte sie, und als ich näherkam, und riss sich von ihrem
von den hinter der Theke des Lebensmittel- Ich ärgerte mich maßlos darüber, dass ich Peiniger los. Sie stürmte auf mein Auto zu,
ladens der Nachbarin heimlich gehorteten diese Dame schließlich wegen der Lappalie schrie „Taxi!“, hatte mein gelb leuchtendes
Würste in den schlimmsten Hungerjahren. nach ihrer zweiten Tasse Kaffee alleine ge- Schild gesehen. Ich öffnete ihr die Tür. Sie
Eine Einbahnstraße blieb unser Gespräch lassen hatte, es sei Freitag-Spätnachmittag sprang noch im Fahren hinein, drückte den
indes nicht. Dass meine eigene Mutter aus und ich müsse das Auto pünktlich an den Verriegelungsknopf hinunter und rief:
den Bombennächten ihrer frühesten Kind- Nachtschichtfahrer übergeben. Ich ärgerte „Schnell weg hier. Nix wie weg hier!“
heit bis heute einen Schauder vor Sirenen mich darüber, dass ich nicht gleich an dem
hat und mich am Tag des Begräbnisses Montag mal nachgefragt hatte. Wohin denn? „Keine Ahnung“, sagte sie.
von Konrad Adenauer noch auf der Fahrt Sie kramte ihr Portemonnaie heraus und
in den Kreißsaal zur Welt brachte … die Was bleibt? Die Erinnerung an eine unter- sagte, sie habe nur noch einen Zehner.
alte Dame nahm dies Erlebte aus meinem haltsame Stunde mit einem Dutzend Ge- Also weg, soweit der Zehner eben reicht.
Munde nicht nur zur Kenntnis. Es schien schichten oder mehr und Tränen, die „Zur Polizei, Anzeige erstatten!“ schlug ich
sie sogar zu begeistern. schnell trockneten. Weiß bis heute nicht, vor. „Nein, bitte nicht, bloß nicht Bullerei.
ob ich selbst mehr darüber lachen oder Zu irgendeiner Telefonzelle, von dort kann
Unsere Geschichten jedenfalls öffneten mir, weinen soll. Fast drei Jahrzehnte später. mich meine Schwester aus Lehrte abholen.
dem Taxifahrer, die Tür in das beinahe In- Ob „sie“ wohl noch über mich nachgedacht Bitte!“
timste, was der Dame noch blieb, da sie hat?
nun ihre Vergangenheit vor mir auszubrei- „Hör mal“, sagte ich zu der Frau, die so
ten begonnen hatte: Ihre Gegenwart hoch Anfang Zwanzig zu sein schien, so alt wie
oben im zwölften Stock mit Blick über die Was ich mir nie verzeihen werde ich also, „vergiss den Zehner. Ich fahre
Hochhäuser und Alarmknopf am Bett und Dich überall hin, wo Du hinwillst. Zu Dir
einem gewissen Termin am Montag. Menschliche Tragödien unter den Fahrgäs- nach Hause oder zu Deiner Schwester nach
ten gehören entgegen mancher Annahmen Lehrte ...“
Ach ja, der Montag. Es war Freitagnachmit- nicht gerade zum tagtäglich Erlebten eines
tag. Im Taxi hatte ich die Dame gleich bei Taxichauffeurs. In der Bild-Lektüre am „Zu mir geht nicht, da steht dann die
Fahrtbeginn gefragt, warum Sie weint. Alte Taxistand begegnet er weitaus mehr davon ganze Nacht mein Freund vor der Tür und
Leute sieht man schließlich selten weinen. als bei seinem Dienst hinterm Lenker. macht Terror bis zum Gehtnichtmehr. Zu
Sie sagte, sie hätte sich soeben in der or- Dennoch bleibt er von den Abgründen des meiner Schwester nach Lehrte reicht doch
thopädischen Praxis für die Hüftoperation Gesellschaftlichen nie ganz verschont. das Geld nicht, das kostet doch mindestens
entschieden. Montag käme sie unters Mes- Besonders nachts nicht. Und sei es auch das Doppelte!“, meinte sie, inzwischen in
ser. Ihre Überlebenschance sei 30 Prozent. zumindest unter Vollzeittaxlern eine Glau- Tränen ausbrechend. „Mein Freund schlägt
Doch mit den Schmerzen leben wolle, nein, bensfrage, ob Tag- oder Nachtschichtfahren mich dauernd, wenn er ein’ gesoffen hat.
könne sie nicht mehr. Ob schon jemand besser sei: das größere Erlebniskonto, Meine Schwester weiß das, die holt mich
von ihrer Entscheidung wisse? Nein, Nur um das einen sicher nicht jeder beneidet, bestimmt ab!“.
der Orthopäde und ich, der Taxifahrer. sammeln zweifellos die an, die im Dunkeln
ihre Kreise ziehen. Langer Rede kurzer Sinn: ich fuhr sie nach
Da fiel mir nichts Besseres ein, als sie beim Lehrte und überredete sie, ihren letzten
Einbiegen auf die Schnellstraße nach ihrem In einer meiner Urlaubs-Nachtschichten Geldschein wieder einzustecken. Sie war ja
Alter zu fragen, und zurückzurechnen und war ich von Hannover hinausgefahren in schließlich in einer Notsituation.
zu sinnieren, was sie an Geschichte und die nahegelegene Kleinstadt Burgdorf. Dort
Geschichten alles erlebt haben müsse. Das hatte ich soeben meinen Fahrgast abge- Fortsetzung folgt ...
war’s. Was Besseres hätte mir auch nicht setzt. Ich fuhr nun zurück und kam für ei-
einfallen können. nige hundert Meter durch ein sehr ruhiges
Wohngebiet. Kein Mensch schien weit und
Wochen später kam ich erst wieder an die- breit auf der Straße zu sein, kein Auto
sem Altersheim vorbei. Da dachte ich erst- fuhr. Es war gegen zwei Uhr früh.
mals wieder an die Dame zurück, zu viel
privater Müll hatte mich dazwischen be- Da sah ich auf einmal vor mir zwei Gestal-
täubt. Ich wollte eine Auskunft, aber be- ten, offenbar nächtliche Spaziergänger.
kam sie nicht. Ich war kein Angehöriger. Einen jungen Mann, eine junge Frau. Beim
Ich hatte mir nicht mal ihren Namen ge- Näherkommen bemerkte ich: sie stritten
merkt und faselte nur von der 93-jährigen sich. Und das ist harmlos ausgedrückt. Er
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